Aufgelesen/Musik/Schweiz

Realitätssinn: Zero points.


Eigentlich war vorgesehen, dass sich mein nächster Post wieder um Musik drehen würde. Gleichzeitig hatte ich den guten – und wie ich finde sehr lobenswerten – Vorsatz gefasst, den Eurovision Song Contest spur- und kommentarlos an dieser Seite vorbeiziehen zu lassen. Doch weil es so schwierig ist, unter permanentem Kopfschütteln halbwegs vernünftige Texte zu verfassen und ich meine Vorsätze zu jeder Zeit des Jahres fast generell zu brechen pflege… nun ja, ich denke Ihr wisst, was jetzt kommt.

Die Schweiz trägt also Trauer. DJ Bobo, dieser Ausbund an Musikalität und künstlerischem Anspruch, hat es nicht ins Finale geschafft beim diesjährigen Schaulaufen der europäischen Schlager-Pop-Trash-Szene. Man möge mir die kleine Spitze verzeihen – ich weiss, das ist nicht gerade fair. René Baumann hat immerhin eine ganz schöne Karriere hingelegt, man kommt gemeinhin nicht so weit ohne Köpfchen, eine Menge Durchhaltevermögen und viel harte Arbeit. Und dass er meinen persönlichen musikalischen Geschmack um einige Meilen verfehlt, dafür kann der Herr Bobo ja nun wirklich nichts. Ausserdem hätte ich’s ihm doch ein klein wenig gegönnt, das Finale. Das heisst, ehrlicherweise muss ich ja zugeben, dass ich es vor allem der EDU gegönnt hätte. Wir erinnern uns: Diese selbstlosen Hüter von Sitte und Moral fühlten sich kürzlich zum Schutze des schweizerisch-christlichen Liedgutes berufen und plagten alle, die sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten, mit Unterschriftenbögen gegen den Beitrag des Emmi-Milchbartwerbeträgers. «Vampires are alive» sei satanisch und gefährde damit die ansonsten ja völlig unbefleckte Schweizer Jugend sowie den Volksfrieden und die nationale Sicherheit, etwas überspitzt formuliert.

Meines Erachtens gefährdet der Titel allenfalls den Frieden am radiobeschallten Schweizer Frühstückstisch, aber damit scheine ich nun auch wiederum relativ alleine zu stehen. DJ Bobo hat nämlich eine nicht zu unterschätzende Fanbase, die sich in gallespeiender Empörung über die Vorfinalausscheidung ergeht. Da wird in seinem Gästebuch lauthals über die «Ostblock-Mafia» gewettert, welche diese «verdammte Schweinerei» zu verantworten habe. Fridu (36) aus Effretikon spekuliert, die EU-Osteuropa-Beitragszahlungen hätten sich hervorragend geeignet, um das Telefonvoting in den Ostblockländern möglich zu machen. Ein Scherz, natürlich. Einer, der eben doch keiner ist und in anderen Kommentaren noch um einiges deutlicher formuliert wird. Erschreckend auch, wie eng die Horizonte gesteckt sind: «(…) es ist mehr als ein Skandal… Es ist für mich auch heute noch total unfassbar. Statt Ausgang gab es für mich und meine Kollegin gestern abend TV-Horrorshow pur!» schreibt Esthi aus Zürich (nicht 16, sondern doppelt so alt).

Zum Abschluss und im Hinblick auf das Finale von heute abend deshalb das Wort zum Sonntag: Lange Jahre hat der «Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne», wie er früher noch hiess, genau davon gelebt: Länderpunkte. Sie sind seit jeher das unverkennbare Markenzeichen des Wettbewerbs. Und immer, ich wiederhole: immer schon wurden diese Punkte massgeblich nach Sympathie vergeben, zumal nahe gelegene Länder oft auch vergleichbaren Musikstilen zusprechen. Natürlich ist das Phänomen jetzt auffälliger, mit der Vielzahl der neuen Teilnehmer aus dem Osten. Früher, unter den selbsternannten «guten» europäischen Ländern hat es eigentlich keinen gestört, dass man sich gegenseitig die Punkte zugeschanzt hat. Wie peinlich, jetzt plötzlich lauthals nach einer Änderung des Formats zu schreien. Und für Esthi: Es ist doch nur Show. DJ Bobo wird nicht sterben deswegen. Ein etablierter Geschäftsmann wie er (ich bringe es leider nicht über die Fingerspitzen, «Künstler» zu schreiben, tut mir Leid) hat es nicht nötig, diesen Zappelwettbewerb – die guten Jahre sind doch schon lang vorbei – zu gewinnen. Er hat seinen Gewinn schon längst gemacht: Ein neues Produkt für Emmi (Milch mit Blutorangen-Aroma, hehe), das für gutes Geld vermarktet werden kann und eine Menge erstklassige Werbung für die neue CD sowie für die kommende Tour. Meine Güte. Dieses schöne, kleine Land kann sich wirklich glücklich schätzen, wenn es keine grösseren Probleme hat.

P. S. Zur Erinnerung: Die Übertragung des Finals heute abend kommt aus Helsinki, weil Finnland letztes Jahr gewonnen hat. Also wirklich. Immer gewinnen nur diese Ostblockländer.

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